Als Autistin mit einer Körperbehinderung von einer Förderschule auf eine Regelschule zu wechseln, ist keine Selbstverständlichkeit. Doch es geht. Ich litt, ich kämpfte und gewann. Heute studiere ich und weiß, wie wertvoll diese Zeit für mich war. Jedes Kind sollte die Chance bekommen, sein souveränes Selbst zu entfalten.
Normal kann und will ich auch nicht mehr sein
Rückblickend lag das Geheimnis bei mir darin, dass Lehrer und Mitschüler im Gymnasium wunderbar auf mich eingegangen sind, und ich deshalb nicht weniger wert war. Sie gaben mir das Gefühl der Gleichwertigkeit. Sie verlangten von mir kein Normalsein. Das ist für mich sehr entstressend, denn normal kann ich und will ich auch nicht mehr sein.
Für mich war das die schönste Schulzeit. Die Lehrer haben sich unglaublich für mich eingesetzt. Wenn ich nur daran denke, welchen Aufwand es für sie bedeutet haben muss, mich die zeitverlängerten Prüfungen schreiben zu lassen. Ich habe dort auch viele Freundinnen gefunden. Niemand behandelte mich anders, nur weil ich behindert war. Sogar angemeckert wurde ich. Das war etwas Neues für mich, aber es fühlte sich gut an.
Wir sind alle anders, also sind wir alle wieder gleich
Manchmal frage ich mich, was aus mir geworden wäre, wenn meine Mutter und einige Lehrer nicht so stark gewesen wären. Wenn sie nicht gegen viele Widerstände dafür gekämpft hätten, dass ich eine normale Schullaufbahn einschlagen konnte. Wäre ich in meinem Kokon geblieben, in den ich mich bereits zurückgezogen hatte, als ich in der Förderschule war? Dort wollte ich immer mehr wissen, aber man traute es mir nicht zu, man glaubte immer, mich zu überfordern. Hätte ich meine Persönlichkeit verloren? Wären am Ende des Weges vielleicht Psychopharmaka oder Psychiatrie gestanden? Ich weiß es nicht und werde es wohl auch nie wissen – ich weiß nur eines: Die Auseinandersetzung mit den anderen Schülerinnen auf der normalen Grundschule und dem sogenannten normalen Gymnasium hat mir nicht nur viel über mich, sondern auch über die anderen gelehrt – nämlich, dass diese anders sind und dass ich auch anders als die anderen bin. Also sind wir alle anders und damit sind wir alle wieder gleich.
Das System an die Kinder anpassen – nicht umgekehrt
Ich denke, es müsste ein Schulsystem geschaffen werden, das jedem Kind erlaubt, die Schule zu besuchen, in die es gerne gehen will. Es müsste das Leistungssystem an jedes Kind angepasst werden, und nicht die Kinder an das System. Wir werden eine zukunftsfähige Gesellschaft benötigen, eine Gesellschaft, die kreativ und damit auch innovativ ist, um auf die vielfältigen neuen Herausforderungen antworten zu können. Diese Gesellschaft kann nur entstehen, wenn alle – ich betone, alle – aktiv beteiligt sind. Also auch die, die sich von den so genannten Normalen unterscheiden.
Oft wird hier das Leben unterschätzt, ebenso wie die Kreativität im Umgang mit Problemen. An dieser Schnittstelle, an der Schnittstelle zwischen den so genannten Normalen und den „Nichtnormalen“ kann viel Neues durch die gegenseitige Befruchtung entstehen. Diese gegenseitige Befruchtung nützt uns allen, nicht nur den Behinderten. Auf die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, sollte es eigentlich nur eine Antwort geben. Ich wünsche mir, dass wir alle in einer Gesellschaft leben, in der die Menschen ob ihrer Besonderheiten geschätzt werden.Â
Veronika Raila ist 18 Jahre alt und studiert in Augsburg Neuere Deutsche Literatur und katholische Theologie. Für die Autistin bilden ihre literarischen Texte eine Brücke in die Welt um sie herum. 2010 gewann sie mit „Das Sandmädchen“ den Publikumspreis der on3-Lesereihe des Bayerischen Rundfunks.



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Ich finde den Beitrag auch ganz toll .Habe selber ein Kind, das eine Sonderschule besucht.Leider muss ich immer wieder diese Erfahrung machen.Man geht nicht auf die Bedürfnisse der Schüler ein, sondern die Schüler müssen sich den Bedürfnissen der Lehrer anpassen.In Sonderschulen fehlt nach wie vor die transparenz, reine aufbewahrungsanstalt.Leider werden immer noch behinderte Kinder als schwer erziehbar betrachtet.Mein Sohn trägt mit stolz sein T-Shirt “ich bin schwerbehindert und nicht schwer erziehbar.”
Hallo,
ich bin Mutter eines Asperger Autisten. Zur Einschulungsuntersuchung hat die Direktorin meinen andersartigen Sohn als Fall für die Hilfsschule nominiert. Damit konnte ich mich nicht abfinden – so hat er vergangenes Jahr das zweitbeste Schulabi präsentiert und studiert z.Z angewandte Mathematik an einer Uni. Ich bin sehr stolz auf ihn und das was er erreicht hat, obwohl es immer ein Kämpfen war und ist ! Was mich heute noch so unglaublich traurig macht, ist seine soziale Isolation, obwohl wir auch dagegen viel unternommen haben …. aber losgelassen zieht er sich immer wieder in sein Schneckenhaus zurück. Ich würde mich freuen, einen Kontakt mit einem Betroffenen oder deren Angehörigen zu knüpfen, die vor dem gleichen Problem stehen … oder ist das am Ende gar keins ?
mfg K. Richter
Den Kontakt kann ich gerne herstellen. Falls jemand mit Frau Richter in Kontakt treten will, mir einfach eine E-Mail senden: web@caritas.de
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Vielen Dank für diesen Beitrag. Diese Erfahrungen motivieren mich, besonders der Satz “Das System an die Kinder anpassen – nicht umgekehrt”!!!!